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Balsam für die Seele

In Bad Mühllacken hegen die Marienschwestern vom Karmel im Klostergarten botanisches Wissen und übersetzen die Bibel im Curhaus in Aufgüsse und Kräuterwickel. Wer sich auf den Rhythmus der Schöpfung einlässt, schafft Ordnung, sagen sie: im Körper, im Geist, im Alltag, in der Beziehung zu Gott.

Geografisch liegen gut 3.000 Kilometer zwischen Bad Mühllacken und dem heute nordisraelischen Berg Karmel. Spirituell könnten es Nachbarorte sein: dort der fruchtbare Obstgarten (hebräisch: karmæl) als Schauplatz zahlreicher alttestamentarischer Bibelstellen, hier der schmucke Kräutergarten der Marienschwestern vom Karmel, zugleich Ort der Kontemplation und blühende Apotheke. „Wir dürfen hier das Gleiche tun, was Jesus getan hat“ sagt Schwester Michaela Pfeiffer-Vogl, die drei Jahrzehnte lang Generaloberin der Marienschwestern vom Karmel – und auch diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester – war. Und zitiert dazu eine Passage aus dem Johannesevangelium: „Als [Jesus] das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. […] Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder“ (Johannes 9, 6-7).

 

»Wir dür fen hier das Gleiche tun, was Jesus getan hat.«
Schwester Michaela Pfeiffer-Vogl

 

Der Unterschied: Schwester Michaela und ihre Mitschwestern wirken im Curhaus von Bad Mühllacken keine Wunder, wenn sie ihren Gästen Schlammpackungen auflegen. Stattdessen machen sie sich jahrhundertealtes Gesundheitswissen zunutze, das in Klöstern und Orden von Generation zu Generation weitergegeben wurde. „Mit Lehm aus der Lehmgrube im Nachbarort Freudenstein mache ich Beinwickel, die lindern Krampfadern und sind entzündungshemmend. Aus den Heilpflanzen im Garten stellen wir Salben, Balsame, Öle oder Kräuterstempel für die Massage her, und belebend wirken die Wassergüsse nach Pfarrer Kneipp.“ Das Wissen um die praktische Anwendung ist aber nur die eine Seite. „Oft sagen die Leute, dass es ihnen schon besser geht, wenn sie nur bei uns über die Schwelle gehen“, sagt Schwester Michaela. Das liegt daran, glaubt sie, „weil unser Haus durchbetet ist. Spiritualität ist ja kein Zuckerguss am Kuchen. Spiritualität ist das Wasser, das den Schwamm durchtränkt – immer ein Teil von uns, ob wir in der Küche Salben anrühren, im Garten Unkraut zupfen oder beim Gebet sind.“

 

Schwitzend Schöpfung entdecken Drüben im Kräutergarten ist Schwester Anna Pointinger am Lavendelbeet gerade mit dem vorhin erwähnten Unkrautzupfen beschäftigt. Auch das Bild vom Durchtränktsein kann man sich gleich ganz plastisch vorstellen. Sie hat nämlich soeben das Johanniskraut gegossen. Eigentlich soll es, als Tee abgekocht, Depressionen bekämpfen. Aber jetzt, wo die frischen Tropfen wie Perlen auf seinen Blättern glitzern, hebt es allein beim Ansehen die Stimmung. „Meine Lieblingspflanze“, sagt Schwester Anna und zeigt uns den Ruhebildschirm ihres Handys. Als Hintergrundfoto ist jener Strauch zu sehen, der wegen seines roten Pflanzensafts auch „Herrgottsblut“ genannt wird.

 

Der Garten, um den sich Mitschwester Johanna Aschauer mit Leidenschaft kümmert, ist in Themenbereiche gegliedert: hier der Naschgarten, da der Dufthügel, drüben die Küchenkräuter. In einem eigenen Bereich wachsen unter dem Motto „Schöpfung entdecken“ ausschließlich biblische Pflanzen. Dabei handelt es sich um einige der mehr als hundert Arten, die explizit im Alten und im Neuen Testament genannt wurden, meist aufgrund ihrer symbolischen oder alltagspraktischen Bedeutung als Heil-, Färbe- oder Räuchermittel.

 

„Die Begegnung mit Pflanzen, die uns die Bibel nennt, soll in uns die Dankbarkeit und Achtsamkeit für Gottes Schöpfung wachhalten“, ermuntert ein Hinweisschild. „Gott hat uns die Heilwirkung der Pflanzen geschenkt. Wer weise ist, benützt sie auch“, sagt Schwester Anna. Und schwärmt davon, wie Fenchel und Beifuß die Verdauung fördern, Efeu, Thymian und Königskerze den Husten vertreiben und die Brennnessel Blasen- und Gelenksprobleme lindert. Vieles, was hier wächst, verarbeitet sie zu Ölen, Salben und Extrakten. Die Ringelblumen, die sie schon abgeschnitten hat, wird sie dann drinnen in der Küche mit Öl bedecken und drei Tage lang erwärmen.

 

Schwester Michaela hat inzwischen ein Heubad angerichtet. In Heu gepackt – „Da sind über tausend Wirkstoffe drinnen!“ – und mit dicken Baumwolldecken umwickelt, darf die Patientin jetzt ein, zwei Stunden lang im Bett schwitzend mit der Seele baumeln, während die ätherischen Öle des Heus über Haut und Atemwege ihren Weg in den Körper finden. So dick eingepackt, sieht sie aus wie ein Schmetterlingskokon am Kirschbaum. Nur deutlich entspannter.

» Gott hat uns die Heilwirkung der Pflanzen geschenkt. Wer weise ist, benützt sie auch.«
Schwester Anna Pointinger

Regional ist nicht egal

 

Wer seine Gesundheit im Curhaus Bad Mühllacken pflegen oder auf Vordermann bringen möchte, muss nicht zwingend religiös sein. „Wer sich darauf einlässt, spürt etwas. Aber das Angebot soll unaufdringlich sein“, sagt Curhaus-Leiterin Elisabeth Rabeder. Von außen betrachtet, lassen sich die meisten Anwendungen ohnehin ganz weltlich als Traditionelle Europäische Medizin beschreiben. „Viele, die zu uns kommen, haben Erfahrung mit TCM oder Ayurveda – und dagegen ist nichts zu sagen“, sagt Schwester Michaela, „Aber gerade in der Heilpflanzenkunde hat regionales Wissen oft den größeren Nutzen: Heilpflanzen aus der Region wirken stärker als Heilpflanzen aus einer anderen Ecke der Welt. Es geht noch weiter: Die Ringelblumensalbe aus dem Mühlviertler Vorgarten tut einem Mühlviertler Körper besser als die Ringelblumensalbe aus Tirol.“

» Gerade in der Heilpflanzenkunde hat regionales Wissen oft größeren Nutzen.«
Michaela Pfeiffer-Vogl

Schon beim Kneippen verschwimmen die Grenzen zwischen Weltlichem und Spirituellem aber wieder. Dass die Curhäuser in Bad Kreuzen und Bad Mühllacken ganz im Zeichen der Kneipp-Medizin stehen, geht nämlich auf Maria Raphaela Freund zurück, die selbst Marienschwester vom Karmel war. Sie hatte vor dem Ersten Weltkrieg bei Pfarrer Sebastian Kneipp persönlich Unterricht genommen und mit seiner Hilfe eine schwere Krankheit überwunden. Darum versuchen die Marienschwestern neben den vier Kneipp’schen Gesundheitssäulen Wasser, Pflanzen, Ernährung und Bewegung auch die Wichtigkeit der fünften Säule vorzuleben: die Balance. „Der Mensch ist ein rhythmisches Wesen. Wir haben Herzschlag und Atemrhythmus, Tag, Nacht und Jahreszeiten, aber die meisten von uns haben ihre natürliche Ordnung verloren“, sagt Schwester Michaela. Und ermutigt: „Wir dürfen loslassen, was uns belastet. Sich befreien zu lassen und zurück zur eigenen Lebensordnung zu finden, das ist vielleicht die allerbeste Medizin.“

 

INTERVIEW: ALEX LISETZ FOTOS: ROBERT MAYBACH

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WIE DAS WISSEN IN DIE KLÖSTER KAM

 

Klöster sind Orte des Glaubens und der Einkehr. Über Jahrhunderte waren sie aber noch mehr. Als Zentren der Wissenschaft und der Bildung bewahrten und vertieften sie unser Verständnis der Welt. Eine besonders wichtige Rolle spielte dabei die Heilkunde, die – dem Prinzip der Barmherzigkeit (lateinisch: caritas) folgend – in Klostergärten und Ordensspitälern ihre Anwendung fand. Doch warum konzentrierten sich Wissenschaft und Wissensdurst gerade hier? Weil tausende namenlose Mönche antikes Wissen der altrömischen und -griechischen Medizin in den Klosterbibliotheken bewahrten und in den Schreibstuben handschriftlich vervielfältigten. Und weil historische Persönlichkeiten weitsichtige Entscheidungen trafen: Benedikt von Nursia erklärte um 540 die Krankenpflege in seinen „Regula Benedicti“ zur wichtigsten Aufgabe eines Mönchs. Karl der Große erließ 300 Jahre später ein Gesetz, das Klöstern das Anlegen von Gärten und die Zucht von Heilpflanzen vorschrieb. Die Ordensfrau und Universalgelehrte Hildegard von Bingen verfasste im 12. Jahrhundert Standardwerke der ganzheitlichen Pflanzenkunde, deren Bedeutung für die Klostermedizin bis heute unübertroffen sind. Während der Gegenreformation etablierten sich im 18. Jahrhundert neben den Ordensspitälern auch die Klosterapotheken. Weil klösterliches Gesundheits- und Heilpflanzenwissen die Einheit von Körper, Geist und Seele betont, erleben sie derzeit ein großes Comeback. Und werden wissenschaftlich untersucht, etwa durch die „Forschergruppe Klostermedizin“, die an der Universität Würzburg seit 1999 historische mit modernen Erkenntnissen verknüpft.


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