Ein Garten, der heilt
Dreieinhalb Hektar und 150 Pflanzenarten auf über tausend Metern Seehöhe: Der Stiftsgarten der Abtei Sankt Lambrecht, die heuer ihren 950. Geburtstag feiert, ist ein Schmuckstück im steirisch-kärntnerischen Grenzgebiet. Zwischen seinen barocken Mauern finden Spaziergänger Entspannung, Bienen ein All-you-can-eat-Buffet und Amsel, Drossel, Fink und Star eine Bühne für ihre Gesangskünste.
„Ganz früher“, sagt Pater Gerwig Romirer, der Prior der Abtei, „waren Klostergärten reine Nutzgärten. Erst im Barock, in dem unser heutiger Garten angelegt wurde, hat man dem Umfeld und der Natur eine Ordnung geben wollen. Daraufhin wurden klösterliche Nutzgärten zu Zierund Flaniergärten
erweitert.“ Im Stiftsarchiv kann man nachlesen, was der Admonter Hofgärtner Hans Strudl darunter verstand. Von 1643 bis 1644 verzeichnete er unter anderem „4408 Pämb, ausgenomben Öpfel und Piern, 300 schene Rosensteck und 2.000 Rybesperleinstauden“. (4.408 Bäume, ausgenommen
Äpfel und Birnen, 300 schöne Rosenstöcke und 2.000 Ribiselstauden)
» Man kann Gott in vielen Dingen
entdecken – gerade in der Natur, die
vom Gottesgeist durchwirkt ist. «
Prior Pater Gerwig Romirer
Ein Glück, dass Hans Strudls Nachfolger ebenso fleißig sind. Denn so dürfen wir noch heute zwischen Marienblatt und Schafgarbe, Frauenmantel und Rotem Sonnenhut sowie Rosengarten und Sonnenblumenfeld dahinschlendern und über Gott und die Welt nachdenken. Blüten und Wurzeln, Knospen und Blätter bilden hier so etwas wie eine lebendige
Bibliothek, tragen sie doch das überlieferte botanische Wissen zahlloser
Ordensgenerationen in sich. Wie in vielen anderen Klöstern wurde nämlich auch in Sankt Lambrecht über Jahrhunderte weg die Wirkung heimischer (Heil-)Pflanzen erforscht und angewendet. „Hier, der Beifuß zum Beispiel“, sagt Karin Dorfer, als Projektleiterin für das Wohlergehen des historischen
Barockgartens verantwortlich, „Der soll allein Heilwirkung für 64 Krankheiten
haben. Die Kapuzinerkresse hier vorn verwenden wir getrocknet für unser Kräutersalz.
Und da, die Königskerze, die eignet sich gut fürs desinfizierende Ausräuchern von Innenräumen.“ Als Tee und Tinktur, Öl und Salbe finden die Schätze aus dem Sankt Lambrechter Stiftsgarten über den Klosterladen ihren Weg in die Haushalte von Besucher:innen aus nah und fern. Neben tausenden sekundären Pflanzenstoffen tragen sie immer ein wenig spirituelle Seele in sich. „Wir Menschen sind in etwas Größeres eingebunden, das man als gläubiger Mensch Gott nennt“, sagt Pater Gerwig Romirer, „Und Gott kann man in vielen Dingen entdecken – gerade in der Natur, die vom Gottesgeist
beseelt und durchwirkt ist.“
Heilmittel Würde
Vielleicht hat es ja mit diesem Gottesgeist zu tun, dass im Stiftsgarten neben den Himbeersträuchern und Erdbeerbeeten auch die Nächstenliebe Früchte trägt. Denn die Kräuter und Heilpflanzen der Abtei entfalten ihre heilende Wirkung nicht nur dann, wenn man sie trinkt, inhaliert oder auf die
Haut aufträgt. Der Stiftsgarten von Sankt Lambrecht heilt ebenso die Wunden der Menschen, die ihn betreuen. Das Umstechen und Zurückschneiden, Aussäen und Ernten übernehmen nämlich vorwiegend geistig und körperlich eingeschränkte Langzeitarbeitslose, mit denen es das Schicksal oft nicht so gut gemeint hat. Unter dem Schirm des Vereins domenico erleben viele von
ihnen zum ersten Mal das Gefühl, gebraucht zu werden, sich nützlich zu machen, kleine Erfolge zu feiern. „Bei uns bekommst du die Bestätigung, etwas wert zu sein“, sagt Monika Trinkl, die als Gärtnerin die Arbeitsgruppen
einteilt und anleitet. „Meine Aufgabe ist es, einzuschätzen, wer zu welcher
Tätigkeit geeignet ist – ganz generell, aber auch am jeweiligen Tag, das kann nämlich stark schwanken.
» Bei uns bekommst du
die Bestätigung, etwas wert zu sein. «
Monika Trinkl
Ich begebe mich auf die Suche nach den Talenten und den Interessen jedes und jeder Einzelnen. Und ich traue den Leuten etwas zu. Das sind sie oft nicht gewöhnt. Ich übertrage ihnen Verantwortung
für Aufgaben, die sie ganz alleinbewältigen dürfen – natürlich immer im
Verhältnis zu ihren jeweiligen Fähigkeiten. Oft sind sie hinterher wahnsinnig stolz, weil sie endlich mal ernst genommen wurden und ihren Teil zum Erfolg der Gruppe beitragen durften.“
Ein Garten voller Symbolik
Das größere Ganze ist ein gutes Stichwort für uns. Vom ersten Stock des Pavillons, in dem auch Hochzeiten und andere Veranstaltungen gefeiert werden, verschaffen wir uns einen Überblick über die prachtvolle Gartenanlage, Erst hier oben realisieren wir so richtig: Das Areal ist – wie es
im Barock üblich war – in Themenbereiche geviertelt.
Die Gartenarchitektin Karin Hochegger, die die Anlage 2004 nach barockem
Vorbild wiederhergestellt hat, verband hier geschickt das Weltliche mit dem
Spirituellen. Die Viertel symbolisieren nämlich einerseits die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft, spiegeln aber ebenso religiöse Themen wider.
Hält man sich am Eingang links, betritt man das Viertel, das der Luft sowie der „Gottesmutter Maria als Gärtnerin“ gewidmet ist: Hier wachsen neben
1.300 Rosen auch Heilkräuter für Frauenbeschwerden in Hülle und Fülle, die
traditionell der Gottesmutter zugeordnet werden. Im Abschnitt Erde wird „die Schöpfung als Gärtnerin“ gefeiert.
» Der Ysop blüht so schön. Er spielt aber
auch in der Bibel eine wichtige Rolle. «
Projektleiterin Karin Dorfer
Hier hat der Bildhauer Georg Planer hundert handgemeißelte Steinquader verlegt, die die hellsten Sterne des nördlichen und südlichen Sternenhimmels symbolisieren. Wo das „Wasser des Lebens“ im Mittelpunkt steht, dominiert der historische Brunnen aus barocken Steinelementen. Im Feuer-Viertel wird „die heilige Hildegard von Bingen als Gärtnerin“ mit einem Labyrinth und Kräutern aus der Hildegard-Medizin geehrt. Ja, Klostergärten sind herrlich entspannende Plätze zum Innehalten und wertvolle Schätze für unsere Gesundheit. Aber lieben wir sie vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil sich hier das Weltliche und die – Zitat Pater Gerwig – „Gottesseele“ auf so harmonische
Weise begegnen? Für domenico-Projektleiterin Karin Dorfer, die gerade ein Bündel Ysop geerntet hat, ist es jedenfalls so: „Der Ysop ist meine Lieblingspflanze im Stiftsgarten, weil er so schön blau blüht“, sagt sie,
„Aber dass er im Johannes-Evangelium auch bei der Kreuzigung eine Rolle spielt und als ‚Kirchensepperl‘ eine typische Klosterpflanze ist, gibt ihm noch einmal eine ganz andere Bedeutung für mich …“
Wie das Wissen in die Klöster kam
„Das Kloster soll, wenn möglich, so angelegt werden, dass sich alles Notwendige, nämlich Wasser, Mühle und Garten, innerhalb des Klosters befindet und die verschiedenen Arten des Handwerks dort ausgeübt werden können.“ Welchen Weitblick er mit seiner „Regula Benedicti“ bewies, konnte Benedikt von Nursia um 540 selbst nicht ahnen. Abgeschirmt und unabhängig von weltlichen Fürsten, waren Klöster nach dem Fall des Weströmischen Reichs europaweit die einzigen Stätten, in denen Wissen bewahrt und vergrößert wurde. Dieses Wissen über Heilkräuter, Medizin, Astronomie (für den Kalender) und Ackerbau wurde im klösterlichen Alltag angewandt, durch Gärten kultiviert und schriftlich fixiert. Vor allem das
Lesen und Schreiben spielte eine große Rolle: Während außerhalb der Klostermauern über Jahrhunderte praktisch niemand alphabetisiert war, wurden in den Skriptorien theologische, medizinische und naturwissenschaftliche Texte vervielfältigt. Besonders gebildete Mönche konnten mit ihren Latein- und Griechischkenntnissen auch auf antikes Wissen zurückgreifen.